Struktur, Ablauf und Anregungen für die Kollegiale Beratung

Kollegiale Beratung

Kollegiale Beratung bietet einen erstaunlich wirkungsvollen Reflexionsraum – und gleichzeitig ist die Methode so simpel, dass man sie fast überall anwenden kann. Genau deshalb möchte ich hier einen Überblick geben, wie kollegiale Beratung abläuft, in welchen Schritten man sich orientieren kann und wie variabel das Ganze in der Praxis tatsächlich ist.

Ein strukturierter Reflexionsraum auf Augenhöhe

Kollegiale Beratung – oder auch Intervision – ist eine Form des professionellen Austauschs unter Kolleg*innen, um gemeinsam Fälle zu besprechen und zu Lösungen zu kommen. Im Kern ähnelt sie der Supervision, allerdings ohne externe Supervisorin oder externen Supervisor. Die Gruppe übernimmt diesen Prozess selbst, im kollegialen Miteinander und auf Augenhöhe.

Das Heilsbronner Modell

Mittlerweile gibt es viele unterschiedliche Modelle und Ablaufvarianten. Ich stelle hier das sogenannte Heilsbronner-Modell vor: sehr klar strukturiert, in zehn Schritten aufgebaut – und gleichzeitig flexibel genug, um es nach den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Nach meiner Erfahrung hat es sich bewährt, vorab eine Moderation für das Gesamttreffen festzulegen und danach für jeden Fall eine gesonderte Moderation zu benennen. 

Die Gesamt-Moderation begrüßt und eröffnet eine erste Ankomm-Runde. Hier kann gleich benannt werden, wer einen Fall zur Besprechung gleich einbringen möchte. Anschließend wird gemeinsam die zeitliche Struktur für das Treffen festgelegt. Dann beginnt die erste Person, die einen Fall einbringen möchte.

1. Fall-Moderation festlegen

Diese Person benennt für diesen Fall eine eigene Moderation. Wenn die benannte Person einverstanden ist, startet sie die Beratung.

2. Fall schildern

Zunächst wird der Fall knapp geschildert – nur so ausführlich, dass alle ein Grundverständnis haben. Was soll das Ziel der Beratung sein?

3. Verständnisfragen

Die Gruppe stellt nun reine Informationsfragen. Keine Interpretationen, keine Wertungen, keine Lösungsideen. Hier ist die Moderation besonders gefragt: Sobald Fragen in Richtung Deutung gehen, sollte sie eingreifen. Es geht nur um Verständnisfragen – und manchmal reichen dafür erstaunlich wenige Fakten aus.

4. Assoziationen

Jetzt gibt die Gruppe Resonanz, was der Fall bei ihnen ausgelöst hat: Assoziationen, Gefühle, Gedanken, Fragen, Eindrücke. Achtung: Noch keine Lösungsvorschläge!
Beispiele:

  • „Das hat sich für mich beklemmend angehört.
  • „Ich frage mich gerade, ob…“
  • „Bei mir tauchte das Bild von… auf.“

Allein die Vielfalt der Rückmeldungen eröffnet der einbringenden Person oft ganz neue Perspektiven.

5. Rückmeldung zu den Assoziationen

Nun kann die Person, die den Fall eingebracht hat, auf das Gehörte eingehen:
Was hat berührt? Was macht nachdenklich? Was war hilfreich?
Diese Phase dient der inneren Sortierung und der eigenen Bedeutungsgebung.

6. Lösungsideen sammeln

Erst jetzt geht es um Ideen und mögliche Lösungen. Die Gruppe bringt dazu Vorschläge ein. Wichtig ist, diese nicht zu diskutieren oder zu bewerten. Hier geht es alleine ums Sammeln und Zur-Verfügung-Stellen.

7. Rückmeldung zu den Lösungsideen

Die Falleinbringer*in greift aus dem „Blumenstrauß“ an Vorschlägen das auf, was hilfreich erscheint. Es geht nicht ums Bewerten anderer Beiträge, sondern ums Herausfiltern.

8. Austausch

In diesem Schritt kommt oft noch einmal ein kollegiales Brainstorming zustande. Erfahrungen werden geteilt, Perspektiven ergänzt, das Bild wird weiter gefüllt.

9. Erfahrungen

Im Heilsbronner-Modell ist dieser Schritt der Moderation zugeordnet – ich persönlich würde ihn jedoch eher offen für alle gestalten: Persönliche Erfahrungen können den allgemeinen Austausch ergänzen. (In meiner kollegialen Beratungsgruppe sind die Schritte 8 und 9 eigentlich nicht voneinander getrennt.

10. Abschluss und Reflexion der Zusammenarbeit

Zum Schluss reflektiert die Gruppe:

  • Was hat gut funktioniert?
  • Was war hilfreich?
  • Was könnten wir beim nächsten Mal anders machen?

Diesen zehnten Schritt würde ich persönlich nicht zu jedem einzelnen Fall aufrufen, sondern als Abschlussrunde gestalten und der Gesamtmoderation zuordnen.

Die Gesamt-Moderation übernimmt nach jedem Fall wieder. Sie achtet während des gesamten Prozesses auf die Zeit, damit alle zu Beginn vereinbarten Fälle ihren Raum bekommen.

Struktur und Flexibilität

Was sich hier sehr strukturiert liest, ist in der Praxis oft ein intuitiver Ablauf. Die Struktur hilft aber, den Sinn der einzelnen Phasen nicht aus den Augen zu verlieren – insbesondere am Anfang, wenn man schnell zu Lösungen springen möchte. Gerade die frühen Schritte verdienen Zeit, weil sie der Person ermöglichen, eigene Interpretationen und Ideen zu entwickeln. Dazu kann man sich einen kleinen Spickzettel mit den einzelnen Phasen zurecht legen.

Ich erlebe immer wieder, wie Menschen in kurzer Zeit mit völlig neuen Gedanken aus einer Runde gehen – ganz ohne externe Beratung. Die kollegiale Gruppe kann erstaunlich gut für sich selbst sorgen.

Perspektiven-Karten für Fallsupervison und kollegiale Beratung als anregende Methode

Methodische Erweiterung: Perspektiven einnehmen

Wenn ihr die Methode etwas auffrischen möchtet, könnt ihr Zettel mit verschiedenen Perspektiven verteilen: z.B. die ängstliche Person, die neugierige Person, die analytische Person usw. Die Aufgabe ist dann, aus dieser Haltung zuzuhören und Resonanz zu geben. Diese Methode geht auf Corinna Nels-Lindemann zurück (zu finden in dem Buch „Lösungsorientierte Supervisionstools“ hrsg. v. H. Neumann-Wirsig). Falls Ihr solche Zettel nicht selber erstellen wollt, könnt Ihr Euch die Karten kostenlos downloaden und ausdrucken oder auch direkt meine Perspektiven-Karten nutzen. Diese bieten zwölf verschiedene Perspektiven. Das macht den Prozess lebendiger – und die Falleinbringende bekommt ein sehr breites Spektrum an Rückmeldungen (für die Zuhörenden ist es ebenfalls spannend, einmal in eine ungewohnte Rolle zu schlüpfen und sich selbst dabei neu zu erleben).

Fazit

Kollegiale Beratung ist ein unglaublich vielseitiges und niedrigschwelliges Instrument. Man braucht keinen externen Profi – nur sich selbst und die Kolleg*innen, mit denen man in vertrauensvollem Austausch ist. Probiert es unbedingt aus, falls ihr damit noch nicht arbeitet.

Vorschaubild des LAUF-RAT Videos zur kollegialen Beratung: Erklärung der Methode, Ablauf in zehn Schritten und praktische Hinweise für den professionellen Einsatz.
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