Glaubenssätze in der systemischen Beratung und Therapie

Glaubenssätze systemisch betrachtet

Wenn von Glaubenssätzen die Rede ist, geht es meistens sehr schnell darum, sie zu verändern oder aufzulösen. Oft wird dann unterschieden zwischen positiven und negativen Glaubenssätzen, und die negativen sollen möglichst durch positive ersetzt werden. Systemisch würde ich das ein bisschen anders betrachten.

Glaubenssätze entstehen in Zusammenhängen

Zunächst einmal gehe ich davon aus, dass Glaubenssätze nicht einfach in meinem Kopf entstehen, sondern immer in bestimmten Zusammenhängen.

Sie haben etwas damit zu tun, wie ich Erfahrungen gemacht habe – in meiner Familie, im beruflichen Kontext oder in anderen Beziehungen.

In diesem Sinne sind Glaubenssätze Konstruktionen von Wirklichkeit.
Sie zeigen weniger, wie die Welt ist, sondern eher, wie ich gelernt habe, sie zu verstehen.

Aus diesem Grund haben Glaubenssätze auch eine wichtige Funktion. Sie sind mein Erfahrungsschatz und helfen mir, Zukunft zu deuten und Erwartungen zu bilden.

Der gute Grund hinter Glaubenssätzen

Viele Überzeugungen sind durchaus hilfreich. Oder zumindest waren sie es einmal, weil sie mir Sicherheit gegeben haben.

Vielleicht hat mich ein Satz wie: „Ich muss alles gründlich machen“ lange Zeit gut durch Schule oder Beruf gebracht.

Hinderlich wird ein Glaubenssatz erst dann, wenn er zu absolut wird: Wenn ich ihn als Wahrheit und nicht mehr als gewachsene Erfahrung verstehe. Wird er mir nicht mehr als eigene Konstruktion bewusst, komme ich nicht mehr auf die Idee, dass es auch andere Möglichkeiten geben könnte und dass ich die erlebte Wirklichkeit auch anders deuten könnte.

Glaubenssätze sichtbar machen statt korrigieren

Aus systemischer Perspektive geht es deshalb weniger darum, Glaubenssätze zu korrigieren oder zu ersetzen. Viel hilfreicher ist es oft, sie zunächst einmal sichtbar und bewusst zu machen. So kann ich besser verstehen,

  • wann sie mir geholfen haben
  • in welchen Situationen sie entstanden sind
  • und wo sie heute noch hilfreich sein können.

Dadurch wird der Blick weiter. Ich bin dann nicht mehr so stark festgelegt auf eine einzige Deutung meiner Wirklichkeit und bekomme wieder mehr Handlungsspielraum.

Glaubenssätze machen Unterschiede zwischen Menschen verständlicher

Glaubenssätze zeigen, dass Menschen nicht einfach grundsätzlich verschieden sind, sondern dass sie unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben – und dass sie auch in Zukunft neue (und andere) Erfahrungen machen können.

Was für eine Person selbstverständlich ist, kann für eine andere völlig fremd wirken. 

Umgekehrt können viele Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten plötzlich nachvollziehbarer werden, wenn ich zu verstehen versuche,

  • welche Überzeugungen den anderen leiten
  • welche Werte damit verbunden sind
  • oder welche Bedürfnisse darin zum Ausdruck kommen.

Das heißt nicht, dass sich Meinungsverschiedenheiten sofort auflösen. Aber ich verstehe besser, warum wir aneinander geraten – und kann ein größeres Verständnis für die andere Person entwickeln.

Glaubenssätze systemisch betrachtet

Systemisch gesehen sind Glaubenssätze also kein Problem, das man beseitigen muss. Vielmehr kann ich sie einen leitenden Verstehens-Kontext betrachten, der gewachsen ist – und: der immer auch weiter wachsen kann!

Das Rezept dafür ist Neugier auf Sichtweisen, die jenseits der eigenen liegen. Dadurch kommt es nicht nur zu einem größeren Verständnis anderer Personen, sondern zu einer fortlaufenden Rekonstruktion und Neukonstruktion meiner Erfahrungen und Deutungen.

Glaubenssätze sind elementar für menschliches Denken und Handeln. Sie müssen aber nicht mit unabänderlichen Dogmen verwechselt werden, sondern können als stetig wachsender Erfahrungsschatz verstanden werden, den es lebendig zu halten gilt.

Video-Vorschaubild zu Glaubenssätzen in der systemischen Beratung
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