Dekonstruktion als systemische Haltung
Share
Dekonstruktion klingt für viele zunächst nach Zerstörung. Nach etwas, das auseinandergenommen wird, bis nichts mehr übrig bleibt. Im systemischen Denken meint Dekonstruktion jedoch etwas ganz anderes – und im Kern sogar das Gegenteil von destruktiv.
Wirklichkeit als Konstruktion
Wenn ich von Dekonstruktion spreche, gehe ich davon aus, dass wir unsere „Wirklichkeit“ immer konstruieren. Das bedeutet nicht, dass es keine objektive Wirklichkeit gäbe. Es bedeutet vielmehr, dass wir ihr immer nur aus unserer eigenen Perspektive begegnen. Wir sind gewissermaßen Baumeister*innen unserer eigenen Wirklichkeitskonstruktionen – und werden niemals vollständig an eine vermeintlich objektive Wirklichkeit herankommen.
Philosophisch steht dahinter ein Denken, das von Differenz ausgeht. Ein prominenter Vertreter dieses Denkens ist Jacques Derrida. Differenzdenken meint, nicht zu identifizieren, nicht festzuschreiben. Es geht darum, offen zu halten, dass das, was wir wahrnehmen, nie vollständig deckungsgleich ist mit dem, was „ist“.
Genau hier berührt sich dieses Denken mit einer systemischen Perspektive bzw. einer „systemischeren“ Haltung: Wir können das, was wir beobachten, niemals vollständig erfassen. Wir haben es immer mit unserer Konstruktion von Wirklichkeit zu tun – mit dem, was wir sehen, hören, deuten und beschreiben.
Dekonstruktion als Haltung, nicht als Methode
Dekonstruktion beschreibt deshalb weniger eine Technik als vielmehr eine Haltung. Man könnte auch sagen: ein selbstkritisches Korrektiv. Sie erinnert mich immer wieder daran, dass das, was ich beschreibe, bewerte oder beurteile, meine Beobachtung ist – und nicht die Wahrheit über eine Person oder eine Situation.
Ganz ohne Festschreibungen geht es natürlich nicht im Alltag. Wir brauchen Sicherheit. Deutungen helfen, Komplexität zu reduzieren und handlungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig bleiben sie aber subjektive Zuschreibungen: Ich urteile und identifiziere – und werde der anderen Person damit oft nicht gerecht.
Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei Emmanel Levinas. Er denkt den anderen (Menschen) als den bleibend Anderen. Der oder die Andere bleibt mir fremd, entzieht sich meiner vollständigen Deutung und tritt damit als Anfrage an meine Wirklichkeitskonstruktion auf – sofern ich bereit bin, diese Irritation zuzulassen.
Liebe als Gegenbild zur Festlegung
Sehr eindrücklich beschreibt diese Haltung auch Max Frisch in seinen Tagebüchern. Er schreibt sinngemäß, dass wir gerade von den Menschen, die wir lieben, am wenigsten sagen können, wie sie „sind“. Weil wir sie lieben.
Denn Liebe hält Menschen in der Schwebe des Lebendigen. Es ist der bewusste Verzicht auf Festlegungen und die Bereitschaft, einem Menschen zu folgen – in all seinen möglichen Entfaltungen. Sobald wir beginnen anzunehmen, was, wie und wer der andere ist, wäre das das Ende dieser Offenheit. Es wäre das Ende der Liebe.
Was bedeutet das für Coaching und Supervision?
Übertragen auf Coaching, Supervision und systemisches Arbeiten heißt das für mich zweierlei:
- Als Coach meine Vorannahmen und Lösungsideen zurückzustellen. Nicht vollständig – das gelingt ohnehin nie –, aber bewusst genug, um dem Gegenüber Raum zu lassen, sich zu zeigen und zu entfalten.
- Einen Rahmen zu schaffen, in dem sich Menschen von Festschreibungen lösen können. Das gelingt durch mein ausdrückliches Vertrauen in die Entfaltungs- und Lösungsfähigkeit meines Gegenübers.
Dekonstruktion bedeutet hier, die eigene Konstruktion von Wirklichkeit – also die Art, wie ich mein Leben, meinen Alltag, meine Situation deute – aufzulösen oder zumindest zu lockern. Dadurch wird der Blick freier für Potenzialität, für das Noch-Mögliche, für das, was ich aufgrund meiner bisherigen Deutungen vielleicht ausgeschlossen habe.
Warum Dekonstruktion nicht destruktiv ist
Und genau deshalb ist Dekonstruktion nicht destruktiv. Destruktivität zerstört etwas – und hinterlässt Leere oder Trümmer. Dekonstruktion hingegen macht einen Schritt zurück. Sie nimmt Abstand von festen Bildern und Vorannahmen, damit mehr entstehen kann – jenseits der bisherigen Vorstellungskraft.
Eine bekannte Methode, die indirekt mit diesem Prinzip arbeitet, ist die Wunderfrage. Sie lädt dazu ein, sich eine Situation vorzustellen, die bisher als unmöglich galt. Nicht um das Problem direkt zu lösen, sondern um den Horizont zu erweitern und aus dieser neuen Perspektive wieder handlungsfähig zu werden.
Fazit
Dekonstruktion meint das Auflösen von subjektiver Selbstbeschränkungen, die mich selbst oder andere einengen. Sie ist eine Haltung, die Offenheit ermöglicht – für Entwicklung, für neue Bedeutungen und für Handlungsspielräume dort, wo vorher nur Gewissheiten waren.
Im systemischen Denken ist sie deshalb kein destruktiver Akt, sondern ein zutiefst konstruktiver Schritt zurück, damit Neues entstehen kann.
Sie Dir auch mein Video zum Begriff Dekonstruktion an:
