Von Zielen und Wegen

Von Zielen und Wegen

Es heißt ja immer, der Weg sei das Ziel! Das ist ein Satz, den ich – klar – natürlich auch so unterschreiben würde. Aber beim genaueren Nachdenken würde ich da gerne doch noch etwas mehr differenzieren.

Hintergrund ist meine Trainings-Situation: In diesem Jahr hatte ich meinen ersten Ironman, meine erste Langdistanz gefinished. Ein großes Ziel, auf das ich mich mehrere Jahre vorbereitet hatte. Und tatsächlich: Dieser Tag in Frankfurt war der krönenden Abschluss einer wirklich tollen Zeit, in der ich vieles (und vor allem mich selbst) noch einmal ganz anders und neu kennenlernen konnte.

Jede Trainingseinheit, jeder Schritt und jede Schwimmbadkachel war es wert und hat diesen wundervollen Abschluss erst zu dem gemacht, was er dann war. Während aller drei Disziplinen blitzte mitten im Wettkampf immer wieder auf, was ich alles auf dem Weg erleben durfte: die langen Läufe in der Hitze, die harten Intervall-Einheiten auf dem Rad, aber auch die schönen Ausfahrten und das angenehme Gefühl von Erschöpfung, wenn man nach dem Training frisch geduscht mit einem Getränk in der Hand einfach nur dasitzt und nachspürt.

Und trotzdem bin ich der Meinung: Der Weg (allein) ist nicht das Ziel. Dieser Satz klingt immer ein bisschen so, als bräuchte es gar kein Ziel bräuchte – kein Ergebnis, kein Resultat, sondern eben nur Prozess.

Was kommt nach einem Ironman? Ein weiterer? Eine noch härtere Herausforderung? Was ist mein nächstes Ziel? Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, wenn das bisherige Ziel so groß war, dass man mehrere Jahre darauf hin gearbeitet hat.

Ich wollte mich jedenfalls dagegen wehren, einfach einen weiteren Ironman hinten ranzuhängen. Für mich wäre das inflationär. Die Alternative: „schneller, weiter höher“ war für mich keine Option. Also dachte ich: Mach mal ein Jahr etwas ruhiger. Genieße einfach die Bewegung, die Du so lieben gelernt hast. Mach den Weg zum Ziel.

Aber so einfach ist das nicht. Einfach nur vor sich hin zu trainieren geht ein paar Wochen ganz gut und ist tatsächlich auch wohltuend. Allerdings stellt sich bald immer häufiger die Frage nach dem „Warum“? Besonders bei nicht optimalen Bedingungen lauert der Schweinehund sofort hinter der nächsten Ecke. Und auch während mancher Trainingseinheiten (gerade wenn es mal nicht so gut lief) fühlte ich mich orientierungslos oder schaute auf die Uhr.

Es braucht ein höheres Ziel, damit der Weg sinnvoll erscheint!

Mit anderen Worten: Nur auf das Ziel fokussiert zu sein und den Weg gering zu schätzen ist eine für mich ebenfalls unsinnige Reduktion. Sie blendet all das Schöne und sicherlich auch Anstrengende unterwegs aus – was doch elementar dazu gehört und mich doch überhaupt erst zum Ziel bringt. Der Weg ist nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern wesentlicher Bestandteil. Und damit hat er einen Eigenwert.

Gleichzeitig ist aber ein Weg ohne Ziel für mich keine sinnvolle Option. Denn Wege sind nie bloß schön, sondern können mehr oder weniger anstrengend sein. Wenn ich nicht wüsste, dass ich auf einem Berg eine umwerfende Aussicht hätte, würde ich manchen Weg nicht gehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Weg zum Gipfel lediglich hinter mich zu bringen ist.

Ich brauche beides: Weg und Ziel! Das eine oder das andere ist unvollständig. Ein Weg ohne Ziel würde mich auf Dauer schwindlig machen. Und ein Ziel ohne Weg wäre kein solches, denn ein Ziel braucht einen Weg.

Aber wie habe ich das jetzt konkret für mich gelöst? Mein Ziel ist 2022 jedenfalls bewusst keine Langdistanz. So kann ich dieses schöne Erlebnis „Ironman Frankfurt“ noch länger für sich stehen und nachklingen lassen. Mein Ziel 2022 ist die Zeitmarke 4 Stunden 30 Minuten auf der Mitteldistanz. Diese (für mich sicherlich sehr ambitionierte) Zeit habe ich mir groß aufgeschrieben. Sie wird mich auf langen Läufen und harten Radintervallen begleiten und motivieren. Sie gibt mir die Kraft und Orientierung, die ich brauche, den Weg zu gehen, den ich ja gehen will.

Und selbst wenn ich im August 2022 dann erst in 4:40 (oder noch später) über die Ziellinie laufen werde, werde ich dankbar für diese anvisierte Zielzeit sein, die mir so viel Motivation und so viele schöne Kilometer geschenkt haben wird!

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