Atmosphäre

Atmosphäre

 

Ich bin froh und stolz, heute nicht auf der Couch hängen geblieben zu sein. Die Sehnsucht nach Entspannung und Gemütlichkeit hätte schnell den bitteren Beigeschmack von Trägheit und Müdigkeit bekommen – keine gute Atmosphäre.

Mit einigem Aufwand kann man fast überall für gute Atmosphäre sorgen. Das Überraschende aber ist, dass die Sehnsuchtsatmosphäre auch mit geringstem Aufwand plötzlich da sein kann. Sie ist nur einen Schritt von mir entfernt. Mit anderen Worten: Ich muss mir nur die Laufschuhe anziehen und loslaufen. Es ist egal, ob es draußen stürmt, regnet oder schneit. Laufen lässt mich das Widrigste annehmen. Mitunter kann ich es sogar genießen. Ich sehe den Atem vor mir, spüre die Körperwärme und genieße die Regentropfen. Selbst die Anstrengung fühlt sich angenehm an – vermutlich, weil ich weiß, in was sie sich verwandeln wird: in eine positive Erschöpfung!

Also doch wieder nur Leistungsdenken anstatt einfach nur zu genießen?

Es wäre zu kurz gedacht, dass allein Leistung Zufriedenheit bringen würde. Umgekehrt: Es ist das Geschehen-Lassen-Wollen und -Können – nicht das Herstellen. Das zeigt sich wunderbar am Beispiel des Laufens: Würde ich laufen gehen, um Zufriedenheit zu erreichen, würde sich sicherlich nur das Gegenteil einstellen – genauso wie auf der Couch: Vielleicht lässt sich mit etwas Aufwand (Kaffee, Tee, Kerze, Musik etc.) Atmosphäre herstellen, aber wenn ich laufen gehe, passiert etwas ganz anderes: Ich gehe raus, verlasse das Vertraute und lasse mich auf jede Menge Überraschungen ein: Wetter, Anstrengung, Schmerz, aber auch Freude, Leichtigkeit, Entspannung. Mit anderen Worten: Ich erlebe mich und meine Umgebung. Statt sie (und mich) zu gestalten. Ich lasse mich ein auf das, was mir begegnen wird.

Laufen kann wie meditieren sein. Das bedeutet ausdrücklich: Laufen ist nicht der Hebel zum Glück. Aber es ist ein Vehikel zu mehr Offenheit.

Als ich am vergangenen Samstag einen kurzen Lauf in einem blätterbedeckten Herbstwald hatte, war ich plötzlich wie auf „Wolke Sieben“. Sicherlich sah alles schön aus und das Herbstlaub dämpfte jedes Geräusch auf zauberhafte Weise. Doch es war der leergelaufene Kopf, der plötzlich frei war, die Gegebenheiten als solche überhaupt wahrnehmen zu können. Also: Schuhe an und los!

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